Liebe Astrid,
hier sind meine Antworten:
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Es gibt in der Realität kein eigenständiges "Ich". Alles ist DA, aber ein "Ich" ist nicht da. In keiner Handlung, keiner Erfahrung, keinem Gefühl, keinem Gedanken. Es hat nie ein eigenständiges "Ich" gegeben - das "Ich" sowie "Ich und mein Leben" ist eine Art Traum, eine Illusion, die keinerlei Bezug zur Realität hat. Es gibt diese Person oder Rolle nicht, es hat sie in der Realität nie gegeben.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Ich würde die Ich-Illusion im Moment und aus meiner Erfahrung heraus so beschreiben, dass sie sich scheinbar aus mehreren 'Komponenten' zusammensetzt. Da ist zum Einen "Ich und mein Leben" als eine Art mitlaufender Dauer-Traum. Das scheinbare "Ich" wird dabei ständig 'gesehen' und für real gehalten, obwohl es keinerlei Realität hat und auch keinerlei Realitäts-Bezug. Es wird eventuell durchaus erkannt, dass die "Ich-Geschichte" nicht real ist bzw. aus Gedanken/Bildern besteht - aber auch dann wird noch angenommen, dass sie sich auf eine reale Person BEZIEHT. Das ist jedoch nicht so. Die 'Person' in der Ich-Illusion bezieht sich auf NICHTS. Sie hat wirklich keinerlei Realität. Auch jede 'andere Person' im Traum bezieht sich auf nichts und hat keine Realität. Die Ich-Illusion wird weiter 'genährt' durch scheinbar "ich-hafte" Gedanken. Innerhalb der Illusion sind das im Grunde alle Gedanken, denn sie nehmen alle direkt oder indirekt einen scheinbaren Bezug auf ein "Ich". Es wird nun so erlebt, als stünde hinter diesen ich-haften Gedanken tatsächlich ein "Ich". Oder sogar, dass ein "Ich" diese Gedanken denkt. Selbst wenn das aber durchschaut wurde - selbst wenn gesehen wird, dass die Gedanken nicht von einem "Ich" gedacht werden, sondern einfach erscheinen - wird es auch hier so erlebt, als ob die ich-haften Gedanken auf ein "Ich" HINDEUTEN. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Sie deuten auf NICHTS hin, sie sind leer. Eine weitere 'Komponente', die ich sehe, sind Gefühle und Emotionen. Auch sie werden häufig als "meine Gefühle/Emotionen" erlebt - was ein gedankliches Label ist und keine Realität hat. Gefühle sind ebenso 'ich-leer' wie Gedanken, auch wenn sie durch scheinbare Ich-Gedanken und scheinbare Ich-Geschichten offenbar 'getriggert' werden. Eine weitere Komponente ist der Körper. Es wird angenommen, dass im Körper ein "Ich" ist oder aber, dass "ich der der Körper bin".
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Es fühlt sich sehr anders an. Zwar tauchen Komponenten der Ich-Illusion (wie oben beschrieben) auf und 'wirken' so vor sich hin, wie auf Autopilot...aber es wirkt alles eher blass und schwach. Es scheint keine Identifikation damit da zu sein, selbst wenn sie sich ausleben. Es kann auch niemand gefunden werden, der sich damit 'identifizieren' könnte...diese Ideen wirken gerade sehr abstrakt. Das Gefühl von Zeit hat sich verändert, "Vergangenheit" und "Zukunft" wirken nicht mehr 'bezugsfähig'. Bei einem Versuch, sich darauf zu beziehen, werden nur Bilder aus dem "Ich-Traum" gesehen. Im Körper ist eine dauernde 'Aufregung', außerdem manchmal Hitze, Unruhe. Ein deutliches Gefühl ist das von 'Losgelöstheit' so nenne ich es jetzt mal. Immer wieder Freude oder freudige Erregung. Ein wenig der Eindruck, wie in einer anderen Realität zu sein, obwohl die Realität genau dieselbe ist. Oder wie "nicht da" zu sein und gleichzeitig ist alles vollkommen DA.
Andere Menschen werden irgendwie anders erlebt, da ist eine Empathie/Liebe und "Gleichheitsgefühl". Teils werden andere als 'leer' gesehen.Trennung wird viel schwächer und eher als Gedanke erlebt oder als eine Art "automatischer Reaktion". Im Kontakt mit anderen Menschen erlebe ich "mich" nicht wirklich, es ist ein bisschen als ob ich gar nicht da bin, obwohl ich mich reden höre, ganz normal interagiere etc. So ist es im Moment.
Es wird deutlich gesehen, dass alles einfach IST. Dass das ALLES ist. Und dass alles ohne "Ich" ist, in jedem Moment. Dass nichts fehlt auch. Dass es keine Suche gibt, dass es niemanden gibt, der sucht. Dass das alles nur im Traum der Fall war/ist.
Die Realität hat sich nicht verändert, sie wird nur jetzt nicht mehr vom Traum aus gesehen oder überwiegend "ohne Traum". Ich kann teils schwer beschreiben, was der Unterschied ist...vielleicht genügt das Gesagte. Es hat eine deutliche Veränderung im Erleben stattgefunden, obwohl gleichzeitig alles ist wie vorher.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Ich glaube es waren innerhalb einer sehr kurzen Zeit mehrere Dinge:
- Zum einen WIRKLICH zu schauen. Alle Konzepte etc. zu vergessen und wirklich zu schauen. Was ist HIER? Was ist NICHT HIER? Wo ist das "Ich"? Wo, in der unmittelbaren Erfahrung ist es?
- Die Frage, ob es in der Realität etwas gibt, das 'switcht'. Ich schrieb Astrid, dass es 'mal gesehen wird und mal nicht', 'mal im Hintergrund ist, mal nicht' etc. Und zu SEHEN, dass es sowas in der Realität gar nicht gibt.
- Das schlagartige Erkennen, dass die Ich-Rolle im Traum von niemandem jemals gespielt wurde! Dass sie niemals real war, zu keinem einzigen Zeitpunkt. Dass die gesamte Ich-Geschichte eine komplette Fiktion war OHNE JEGLICHEN BEZUG ZUR REALITÄT. Das war einfach unglaublich...ich glaube, dass war der wirklich letzte 'Schubs'.
- Zu erkennen, dass alles LEER ist. Dass hinter nichts ein "Ich" ist. Dass es NUR Hören, NUR Sehen etc. gibt. Dass alles auf NICHTS hindeutet.
- Schließlich auch zu sehen, dass jeder Gedanke, auch jeder eindeutig "ich-bezogene" Gedanke, leer ist. Dass hinter keinem Gedanken ein Ich oder eine Realität steckt.
- Zu sehen, dass eine Illusion nicht Etwas ist sondern NICHTS. Dass sie NICHT DA ist. Während alles andere DA ist.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Mir scheint, all das gibt es als 'Konzept' im Traum "Ich und mein Leben". In der Realität gibt es Entscheidung-Gedanken, Absicht-Gedanken, Wille-Gedanken, Wahl-Gedanken und Kontrolle-Gedanken. Sie haben wie alle Gedanken selbst keine Realität "in sich". Oder wie bislang ausgedrückt, sie sind leer. Gedanken erscheinen in meiner Erfahrung einfach, sie werden von niemandem gemacht. Daher sind Absicht, Wille, etc. so wie sie im Traum ("meine Absicht, meine Entscheidung" etc.) erlebt werden, eine Illusion. Es ist im Moment noch etwas zu frisch, um von einer eigenen Erfahrung zu berichten. Im Moment gibt es derartige Gedanken nicht. Es gibt ab und zu Gedanken wie "Jetzt mache ich das..." - sie sind leer von einem "Ich". Und es kommen vermutlich irgendwann solche Gedanken, denen dann gefolgt wird oder nicht.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Danke an dieses wundervolle Forum. DANKE ganz besonders an dich, liebe Astrid, dass du mich immer wieder so liebe-voll und bis hierhin bereits begleitet hast.